Die Altstadt misst kaum sechshundert Meter im Durchmesser, und genau das ist ihr Luxus: Alles liegt im Gehen. Der folgende Tag funktioniert zu jeder Jahreszeit; nur der Nachtwächter ist an die Saison gebunden, und an Punkt 21 Uhr.
09:00, Durchs Wörnitztor
Wer vor den Toren parkt, geht am schönsten von Osten hinein: durchs Wörnitztor, das älteste der vier, mit der Wörnitz im Rücken. Die erste Viertelstunde gehört dem Zickzack der Gassen, Segringer Straße mit ihren schiefen Giebelreihen, Elsasser Gasse, und als Auftakt des Pflichtprogramms die Öffnung des Blicks auf den Weinmarkt: die Patrizierzeile mit dem Deutschen Haus, sieben Stockwerke geschnitztes Selbstbewusstsein um 1440. Morgens fällt das Licht von Osten direkt auf die Fassaden.
10:00, Münster St. Georg
Von außen wirkt das Münster streng; innen öffnet sich eine der schönsten spätgotischen Hallenkirchen Süddeutschlands, schlanke Pfeiler, Netzgewölbe, Licht wie in einem Buchenwald. Nikolaus Eseler baute sie im 15. Jahrhundert, als die Reichsstadt reich war und es zeigen wollte. Am Wochenende (und in den Ferien öfter) öffnet der Turm: 200 Stufen, oben die komplette Dächerlandschaft bis zu den Weihern, der Beweis, dass hier wirklich kein Dach aus der Reihe tanzt.
12:30, Fränkische Einkehr
Mittag in einem der Gasthöfe am Weinmarkt oder in den Nebengassen: Schäufele mit Kloß, Bratwürste mit Kraut, im Winter Karpfen aus den umliegenden Weihern. Die Küchen kochen für Stammgäste aus dem Landkreis, die Portionen kalkulieren entsprechend. Danach Kaffee und ein Blick ins Haus der Geschichte am Altrathausplatz, das die Reichsstadt-Jahrhunderte und den Dreißigjährigen Krieg kompakt erzählt.
Die Mauerrunde läuft man außen, nicht innen: Der Grasweg vor der Mauer liefert die Postkartenblicke über Weiher und Gräben. Gegen den Uhrzeigersinn ab dem Wörnitztor spart man sich die Mittagssonne im Gesicht und endet am Rothenburger Tor, dem besten Wiedereinstieg für den Abend.
14:30, Die Mauerrunde
Gut zweieinhalb Kilometer, eine Stunde mit Pausen: Die Außenrunde passiert alle 16 Türme, den dicken Faulturm, Henkersturm, Dreikönigstürmlein, und die vier Tore, dazwischen Weiher, in denen sich die Silhouette spiegelt, und Gärten, die bis an den Graben reichen. Es ist die unverstellte Ansicht, die Feldherren und Maler sahen; geändert hat sich seither im Wesentlichen: nichts. Die Wörnitzwiesen im Osten sind der Fotopunkt für die klassische Skyline.
17:00, Die Stadt den Hausgästen
Jetzt kippt der Tag: Die Reisebusse sammeln ihre Gruppen ein, und die Gassen stellen auf Feierabend um. Die Stunden bis zum Abendessen gehören dem ziellosen Teil, Läden in der Segringer Straße, ein Bier am Stadtgraben, die Türme im Abendlicht. Wer der Stadt ganz gehören will, schläft hinter der Mauer: Die historischen Gasthöfe vermieten Zimmer über denselben Stuben, in denen seit Jahrhunderten gewirtet wird.
21:00, Hinter der Laterne
Pünktlich tritt am Münster der Nachtwächter an: Hellebarde, Horn, Laterne, Umhang. Die Runde durch die dunklen Gassen ist kostenlos, dauert eine knappe Stunde und ist kein Schauspiel für Touristen, sondern ein Brauch, der schlicht nie abgeschafft wurde, an jeder Station singt er den alten Stundenruf, und die Stadt antwortet mit Stille. Es ist der beste Schlusspunkt, den eine mittelalterliche Stadt anbieten kann; danach noch ein Gang über den leeren Weinmarkt, in dem die Giebel schwarz vor dem Himmel stehen.
Die Fakten, gesammelt
Anreise: Bahn bis Ansbach/Crailsheim/Dombühl + Bus; Auto A7, Parkplätze vor den Toren. Münsterturm: an Wochenenden in der Saison, kleiner Beitrag. Mauerrunde: ~2,5 km außen, frei, kinderwagentauglich bis auf kurze Stücke. Nachtwächter: in der Saison täglich 21 Uhr ab Münster, kostenlos. Kinderzeche: Festwoche im Juli, Quartiere Monate vorher buchen. Goldene Regel: bleiben, wenn die Busse fahren.
